Die im Januar 2026 erschienene Publikation „Freiheit oder Fürsorge?“ von Education Y wirft einen detaillierten Blick auf die Nutzung und Auswirkungen sozialer Medien und Smartphones durch Kinder und Jugendliche. Sie fasst den aktuellen Forschungs- und Gesetzgebungsstand zusammen und entwickelt daraus konkrete Handlungsempfehlungen. Dabei zeigen die Autor*innen auf, wie vielschichtig die Debatte ist: Sie reicht von gesundheitlichen über pädagogische und gesellschaftspolitische bis hin zu philosophisch-ethischen Fragen. Im Mittelpunkt steht die zentrale Herausforderung, einen ausgewogenen Mittelweg zwischen Kinderschutz, digitaler Teilhabe, Gewährleistung des Rechts auf Gesundheit sowie individueller Selbstbestimmung zu finden.
Die Autor*innen weisen darauf hin, dass die Nutzung sozialer Medien und Smartphones für Kinder und Jugendliche Risiken für die psychische, kognitive und physische Gesundheit birgt. Dabei ist der Forschungsstand durch Einschränkungen geprägt: Viele Ergebnisse stammen aus Querschnittsstudien und basieren auf Selbstauskünften der Teilnehmenden, so dass keine kausalen Schlüsse möglich sind.
Trotz dieser Einschränkungen zeigen verschiedene Studien korrelative Zusammenhänge, die darauf hindeuten, dass die Nutzung sozialer Medien die Aufmerksamkeit und Konzentration beeinträchtigen kann. Schlaf sowie körperliche Aktivität können betroffen sein und psychosomatische Beschwerden auftreten. Mechanismen wie sozialer Vergleich oder Schönheitsideale können Essstörungen und Probleme mit dem Körperbild begünstigen. Wichtig ist zudem die Unterscheidung zwischen intensiver und problematischer Nutzung: Intensive Nutzung ist nicht automatisch schädlich und kann teilweise sogar mit günstigeren sozialen Indikatoren einhergehen. Die Autor*innen betonen außerdem, dass viele dieser Effekte strukturell bedingt sind. Plattformen sind häufig auf maximale Verweildauer ausgelegt und stimulieren neurobiologisch das Belohnungssystem, was suchtähnliche Verhaltensmuster fördern kann.
Die Erkenntnisse aus empirischen Untersuchungen über die Smartphone-Nutzung an Schulen und deren kognitiven Auswirkungen ist bislang uneinheitlich. Laut Studien verursachen digitale Geräte einerseits bei etwa einem Drittel der Schüler*innen Ablenkung, andererseits kann ein moderater Einsatz (unter einer Stunde täglich) den Lernerfolg positiv beeinflussen.
Aus pädagogischer Perspektive betonen die Autor*innen, dass es von zentraler Bedeutung ist, an Schulen eine Lernumgebung zu schaffen, in der Lernerfolg, Medienkompetenz, soziale Interaktion und Selbstständigkeit zusammengedacht werden. Ein pauschales Smartphone-Verbot kann die Konzentration im Unterricht zwar kurzfristig verbessern, reicht jedoch nicht aus, um Jugendliche langfristig vor digitalen Risiken zu schützen. Die Autor*innen weisen darauf hin, dass sich digitale Gefahren auf die Zeit nach dem Unterricht verschieben können. Studien verdeutlichen zudem, dass Handyverbote an Schulen zwar die Bildschirmzeit senken, jedoch weder die mentale Gesundheit noch die schulischen Leistungen signifikant verbessern.
Partizipative Ansätze, bei denen gemeinsame Handynutzungsregeln für die Schulgemeinschaft entwickelt werden, gelten hingegen als besonders wirksam. Viele Jugendliche wünschen sich selbst klarere Regeln: So befürworten 58 % der 14- bis 17-Jährigen ein Handyverbot an weiterführenden Schulen. Gleichzeitig können infrastrukturelle Defizite, wie eine mangelnde Ausstattung mit schulischen digitalen Endgeräten dazu führen, dass Schüler*innen auf private Geräte angewiesen bleiben.
Die Autor*innen betonen, dass auf politischer Ebene klare und international abgestimmte Regelungen notwendig sind, um Kinderrechte im digitalen Raum zu schützen. EU-Instrumente wie der Digital Services Act (DSA), die „Jütland-Erklärung“ und auch technische Lösungen zur Altersverifizierung markieren demnach den Beginn gemeinsamer europäischer Handlungsmaßnahmen für einen verantwortungsvollen Jugendmedienschutz. Sie weisen jedoch hin, dass diese Maßnahmen durch unabhängige Forschung, internationale Standards und eine langfristige, multinationale Koordination ergänzt werden müssen, um präventive Maßnahmen tatsächlich wirksam umzusetzen.
Ungeachtet dessen ist den Autor*innen wichtig zu betonen, dass die Debatte nicht auf den Gegensatz von Freiheit versus Fürsorge reduziert werden darf. Vielmehr geht es darum, Kinder und Jugendliche zu befähigen, digitale Souveränität zu entwickeln, sie zu schützen, zu begleiten und ihnen Chancen für eine reflektierte Nutzung zu eröffnen – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Gesellschaft, Schule und Eltern tragen eine gemeinsame Verantwortung, digitale Kompetenzen nachhaltig zu fördern. Auch sind sich viele Jugendliche der Risiken in der digitalen Welt bewusst und befürworten eine eigene Regulierung ihrer Medienzeit.
Der Schutz von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt muss stets mit ihren Rechten auf Teilhabe und Selbstbestimmung abgewogen werden. Pauschale Verbote verhindern demnach nicht nur die Nutzung, sondern schaffen auch ein technisches und soziales Vakuum. Ebenso heben die Autor*innen hervor, dass soziale Medien für junge Menschen wichtige Räume für die Identitätsbildung, Kommunikation mit Gleichaltrigen, Informationszugang und politische Willensbildung sind. Daher warnen sie davor, dass ohne attraktive, sichere und jugendgerechte Alternativen eine Verlagerung auf andere, weniger kontrollierte Kanäle droht.
Vor diesem Hintergrund plädieren die Autor*innen für ein präventives Vorsorgeprinzip, das Risiken minimiert ohne die digitale Teilhabe einzuschränken. Zentrale Handlungsempfehlungen der Education Y-Studie , um Jugendschutz und gesellschaftliche Teilhabe zu verbinden sind demnach:
Fokus auf schulische und außerschulische Lebensbereiche
- Altersgerechte Schulregeln: Partizipativ entwickelte Regeln zur Handynutzung; altersdifferenzierter Ansatz mit bundesweitem Smartphone-Verbot für Grundschulen
- Digitale Infrastruktur an Schulen: Flächendeckender Zugang zu digitalen Endgeräten und stabilem Internet, um private Smartphones entbehrlich zu machen
- Ganzheitliche Medienkompetenz: Frühe Medienbildung entlang der gesamten Schullaufbahn mit Fokus auf Befähigung statt Restriktion sowie Förderung von Resilienz und psychischer Gesundheit
- Beratungs- und Unterstützungsangebote: Niedrigschwellige, vertrauliche Anlaufstellen bei digitalen Problemlagen
- Inklusion und digitale Teilhabe: Einsatz digitaler Hilfsmittel zur Unterstützung von Kindern mit besonderen Lernbedürfnissen
- Eltern stärken: Förderung elterlicher Medienkompetenz, Gefahrenbewusstsein und Vorbildfunktion
- Beratungsangebote entlang der Bildungskette: Verzahnung von Online- und Präsenzangeboten, etwa in Schulen, bei Elternabenden oder in Arztpraxen
- Fortbildung für Lehrkräfte: Qualifizierung im didaktisch sinnvollen Einsatz digitaler Medien und KI bei gleichzeitigem Schutz der Schüler*innen
- Schulen als Orte der Demokratiebildung: Etablierung fächerübergreifender Ansätze zur Förderung demokratischer Kompetenzen
- Attraktive Alternativen schaffen: Gestaltung von Pausen- und Freizeitangeboten als attraktive Alternativen zur digitalen Nutzung
Fokus auf Regulierung und (Daten-)Schutz
- Altersgerechte Zugangsregeln: Nutzung sozialer Medien bis 16 Jahre nur mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten; altersdifferenzierte Plattformgestaltung (Algorithmen, Inhalte, Kontaktfunktionen), Verbot personalisierter Werbung sowie suchtfördernder Funktionen wie Push-Nachrichten oder Endlos-Scrollen
- Kinderrechte stärken: Plattformen müssen sich konsequent an der UN-Kinderrechtskonvention orientieren und ihre Risikoanalysen extern prüfen lassen; Nachschärfung des Digital Services Act erforderlich
- Mehr Transparenz und Regulierung: Verpflichtende Offenlegung von Algorithmen und Moderationspraktiken, regelmäßige Transparenzberichte; Verbot von Dark Patterns, Lootboxen und glücksspielähnlichen Mechanismen
- Partizipation junger Menschen: Jugendliche müssen an der Entwicklung von Regelwerken für soziale Medien beteiligt werden, da Plattformen zentrale Räume sozialer und politischer Teilhabe sind
- Datenschutzkonforme Altersverifikation: Einsatz unabhängiger, nicht-kommerzieller Verifizierungsstellen; europäische Lösungen sind zu befürworten, elterliche Aufsicht allein unzureichend
- Sichere Alternativen fördern: Institutionelle Unterstützung für datenschutzkonforme, gemeinwohlorientierte soziale Plattformen aus Europa als nachhaltige Alternativen zu kommerziellen Angeboten
